
Diana Wohlrath
Der Feuerthron
544 Seiten
ISBN: 978-3-446-23093-4
EUR € 17,90
Buch als Taschenbuch bestellen
"Wunderschön! Die Idee mit den Gegenfarben ist originell. ... Das ganze Buch war sehr interessant und spannend zu lesen... Der letzte Satz lässt auf eine Fortsetzung schließen, da freu ich mich drauf!"
Cornelia Fiedler, Haus des Buches Dresden
EINS
Hannez sah, wie der Knoten des Taus aufging, mit dem das Segel eben neu aufgezogen worden war, konnte aber nicht mehr tun, als »Vorsicht!« zu schreien. Zum Glück sprangen die beiden Jungen sofort zur Seite. Dann krachte die Stenge samt dem Segel herab. »Kip! Verdammt noch mal! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Leine richtig festmachen?« Der Fischer hätte den Jungen ohrfeigen können und sich selbst gleich mit, weil er sich von Kip und Girdhan hatte breitschlagen lassen, sie auf die weite Fahrt mitzunehmen. Aber er hatte auf die Schnelle niemand anders als Hilfskraft gefunden. Die beiden Männer, die normalerweise auf seinem Boot mitfuhren, waren krank geworden, und er hatte diese Ausfahrt um nichts in der Welt verpassen wollen. Nur wenn drei der sechs Monde um Mitternacht als Vollmonde am Himmel standen, wartete am Tag danach ein ganz besonderer Fang auf die Fischer von Ilynrah.
Verärgert blickte er den anderen Booten nach, die mit vollen Segeln auf das geheimnisvolle goldene Glühen zuhielten, das von den Schwärmen der Goldgarnelen ausging und so stark war, dass sein Widerschein von den Wolken zurückgeworfen wurde. Hannez konnte sich kaum an einen Tag erinnern, an dem die Schwärme so weithin sichtbar gewesen waren. Seine Freunde würden mit vollen Fässern zurückkehren, ihn aber hielt das Pech in den Klauen. Die Schwärme blieben nur kurze Zeit an der Meeresoberfläche, und bis er das Segel aufziehen und wieder Fahrt aufnehmen konnte, würden sie sich bereits in die unendlichen Tiefen des Meeres zurückgezogen haben.
Während Kip, dessen Nachlässigkeit das Unheil verursacht hatte, vor Schreck wie erstarrt neben der kleinen Kajüte stand und das blaue Segeltuch anstarrte, das sich in den Tauen und der Rah verheddert hatte, machte Girdhan sich mit der ihm eigenen Ruhe daran, das Gewirr aufzudröseln. Trotz seiner breiten Hände und der plump wirkenden Finger ging er geschickt zu Werk. »Einer von euch muss den Mast hochklettern und das Tauende durch die Rolle ziehen, damit wir das Segel wieder hochziehen können.« Hannez gab Kip, dem flinkeren der beiden Jungen, einen Stups. Doch da klemmte Girdhan sich schon das Seilende zwischen die Zähne und kletterte hoch. »Gut so!«, lobte Hannez ihn und sah dann Kip an, der eigentlich der erfahrenere der beiden war. Der Junge kämpfte gegen die Tränen an. »Das wollte ich nicht, Hannez! Ich dachte …« »Wenn du schon deinen Kopf anstrengst, dann solltest du richtig nachdenken. Aber mit deinen Gedanken bist du meist irgendwo weit weg. Leider füllen die Fische und Goldgarnelen, die du in deiner Fantasie fängst, nicht den Bauch. Und jetzt hilf deinem Freund!« Hannez versetzte Kip einen weiteren Stoß und sah mit einem bedauernden Blick den anderen Fischern hinterher.
Die ersten Boote hatten die Schwärme erreicht. Ihre Rümpfe schimmerten nun in dem Licht von Abermillionen Garnelen, und es sah so aus, als würden die Boote über dem Wasser schweben. Netze wurden ausgeworfen und ihre leuchtende Fracht kurz darauf in das Innere der Schiffe entladen, das nun auch golden schimmerte. Hannez dachte an das schöne Geld, das seine Freunde für ihren Fang erhalten würden, und seufzte. Die Münzen hätte er auch gut brauchen können, denn der Tag, an dem er seine Steuern zahlen musste, stand kurz bevor. Seine Hand krampfte sich um die Pinne. »Macht schneller! Vielleicht können wir wenigstens so viele Garnelen fangen, dass Meraneh für ein paar Tage Vorrat hat. Ihr hattet versprochen, ihr ein großes Fass voll mitzubringen.« Hannez’ besorgte Miene glättete sich, als er an die Wirtin des »Blauen Fischs« dachte. Er mochte die Witwe und bot ihr jedes Mal, wenn er zurückkam, die besten Stücke seines Fangs für ihre Küche an. Deswegen hatte sie Girdhan auch erlaubt, mit ihm hinauszufahren. Im Gegensatz zu Kip war er kein Fischerjunge, sondern Schankbursche im »Blauen Fisch« und stammte nicht von Ilyndhir. Seine Eltern waren als Flüchtlinge auf die Insel gekommen und er selbst in Meranehs Gasthaus zur Welt gekommen. Da seine Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, hatte Meraneh sich seiner angenommen und ihn aufgezogen.
»Hannez, schau dorthin!« Girdhans entsetzt klingender Ausruf beendete den Gedankenflug des Fischers. Er blickte zu dem Jungen auf, der sich an den Mast klammerte und nach Süden zeigte. »Was ist denn los?«, fragte er, denn er konnte nur die anderen Fischerboote sehen, die mit einem Mal wirr durcheinanderfuhren. Zwei stießen zusammen, bei anderen wurden die Netze gekappt und ins Meer geworfen, und bei den meisten versuchten die Steuerleute viel zu hektisch, die Boote auf Gegenkurs zu bringen. Noch während Hannez sich fragte, welcher Wahnsinn seine Freunde ergriffen haben mochte, sah er schwarze Rümpfe über der Kimm auftauchen, die schnell größer wurden. In diesem Augenblick schien das Blut in seinen Adern zu Eis zu erstarren. Galeeren aus Gurrland drangen in ihre Gewässer vor! »Diese Schufte! Sie sind dem Licht des Schwarms gefolgt und haben uns aufgelauert. Ilyna sei den armen Hunden gnädig.« Seine letzten Worte galten den vordersten Booten, die keine Chance hatten, den schwarzen Schiffen zu entkommen. Selbst auf diese Entfernung sah Hannez, dass die schwarzen Ruder wie von einem einzigen Mann geführt in die Wellen stachen und den Galeeren eine Geschwindigkeit verliehen, die ein Fischerboot nur bei einer rauhen Brise erreichen konnte. Doch so, wie der Wind stand, mussten die Fischer erst wenden und dann kreuzen. »Die Leine ist durchgeschossen!«, rief Girdhan von oben herab. Hannez vernahm Panik in seiner Stimme, doch anders als er oder Kip war der Junge angesichts der feindlichen Flotte nicht vor Angst erstarrt, sondern hatte fieberhaft weitergearbeitet. Sein Beispiel brachte Hannez dazu, sich zu schütteln und ebenfalls zuzupacken. »Große Blaue Göttin Ilyna, hilf uns! Lass nicht zu, dass die Kinder diesen Ungeheuern zum Opfer fallen«, betete er, während er Kip an die Pinne schob und in fieberhafter Eile das Segel aufzog.
Er stellte sich Meraneh vor, deren greise Mutter und die kleine Mera, die an Girdhan hingen wie an einem Sohn oder Bruder. Was würden sie sagen, wenn der Junge nicht mehr zurückkam? Auch Kips Familie würde um ihren Jüngsten trauern, obwohl die älteren Brüder meist über ihn schimpften oder spotteten. Kip schrie auf, als habe ihn jemand getreten. »Hannez, schau! Die Gurrländer kapern die Unsrigen nicht einmal, sondern fahren einfach über sie hinweg!« Hannez kontrollierte jeden einzelnen Knoten. Dann übernahm er Kips Platz an der Steuerpinne und wies die beiden Jungen an, Netze und Fässer über Bord zu werfen und jedes Teil, das sonst noch herumlag. »Ich weiß nicht, ob wir es schaffen. Aber ich tue mein Möglichstes! «, versprach er sich und den Kindern, als er die Ruderpinne nach steuerbord drückte. Für ein paar Augenblicke flatterte das Segel nutzlos im Wind. Als es ihn wieder einfing, begann das Boot, Fahrt aufzunehmen. Hannez machte nicht den Fehler, sofort auf Gegenkurs zu gehen und dabei wieder an Geschwindigkeit zu verlieren, sondern hielt sein Boot so scharf am Wind, wie er es verantworten konnte. Dadurch kam er noch näher an die Schwarzen Galeeren heran.
Doch deren Besatzung achtete nicht auf ein einzelnes Schiffchen am Rand des Geschehens, sondern machte Jagd auf das Gros der Fischerflotte. Einige Boote wurden von den Rammspornen durchschnitten wie von einem Messer, andere einfach unter Wasser gedrückt. Jedes Boot riss Freunde und Nachbarn mit sich in die Tiefe, die nun nie mehr nach Ilynrah zurückkehren würden. Hannez musste die Zähne zusammenbeißen, um sein Entsetzen und seine Wut nicht laut hinauszuschreien. »Die Flotte der Königin hätte längst etwas gegen die Gurrländer unternehmen sollen!«, entfuhr es ihm. Doch im Grunde war ihm klar, dass die eigenen Schiffe gegen diese Tötungsmaschinen keine Chance hatten. Im gleichen Moment jubelte Kip, der auf den Mast geklettert war, auf. »Die Unseren kommen! Da sind die ›Ilna I.‹, die ›Evorda‹, die ›Teglir‹ und die ›Trymai‹! Sie werden es diesen Gurrländern zeigen!« Jetzt sah auch Hannez die eigenen Schiffe über der Kimm auftauchen. Trotz der hohen Masten und der sich bauschenden blauen Segel wirkten sie winzig im Vergleich zu den riesigen, schwarz gestrichenen Galeeren. Als die Gurrländer die blaue Flotte bemerkten, schossen sie mit Feuerkugeln auf die letzten Fischerboote in ihrer Nähe und bildeten gleichzeitig eine Angriffslinie gegen die Kriegsschiffe aus Ilyndhir. »Möge die Blaue Göttin mit den Unsrigen sein!« Hannez konnte sich vorstellen, welche Verwüstungen die schwarzen Rammsporne bei den eigenen Schiffen anrichten würden, und drehte dem Geschehen den Rücken zu. Er wollte nichts von dem Blutbad sehen, das sich nun hinter ihnen abspielen musste. Ihm, den beiden Kindern und einem weiteren Fischerboot, das bei der Hatz auf die Goldgarnelen zurückgeblieben war, bot der Angriff der königlichen Schiffe die Möglichkeit zu entkommen.